Screen Spaces
Minimalinvasive Interventionen konfrontieren Chirurginnen und Chirurgen mit einem zunehmend komplexen Handlungsgefüge aus technischen Apparaturen, bildgebenden Verfahren, maschinellen Prozessen und zwischenmenschlichen Interaktionen. Diese Verflechtungen scheinen sich unter der Verwendung von chirurgischen Assistenzrobotern wie dem Operationssystem Da Vinci® der Firma Intuitive Surgical noch zu verdichten. Bei dem Da-Vinci-Roboter handelt es sich um ein modulares System, dessen Komponenten im Operationssaal verteilt angeordnet sind. Der Aufbau und das räumliche Arrangement der Systemkomponenten im Operationssaal führen zu einer veränderten Rollen- und Aufgabenverteilung unter dem OP-Personal. Die Chirurgin arbeitet bei der Verwendung des Systems vom Patienten abgewandt an einer Steuerkonsole, welche die Handbewegungen erfasst und mittels digitaler Signalübertragung an die endoskopischen Instrumente im Operationsfeld weiterleitet. Während medizinische Studien den Nutzen des Da-Vinci-Systems® zu belegen versuchen, bleiben Fragen zum Bild-Raum-Gefüge und zum Handlungsfeld zwischen System und Operationsteilnehmern weitgehend unberücksichtigt. Wie die Wahrnehmung des Chirurgen bei der Verwendung des Systems strukturiert wird, zu welchen Handlungen aufgerufen wird, und welche Sinne außer dem Sehsinn noch angesprochen werden, ist bisher kaum Gegenstand von Untersuchungen gewesen. Die Arbeit Screen Spaces ist das Produkt einer einjährigen Kooperation zwischen dem Universitätsklinikum Köln und der Köln International School of Design. Durch zahlreiche Hospitationen und audiovisuelle Dokumentationen von realen Operationen wird gezeigt, wie sich die Räumliche Beziehung zwischen Chirurgin und Operationsfeld durch die Verwendung des Da Vinci® Operationssystems verändert. Das gesammelte Material stellen ein Novum im Bereich der investigativen Raumforschung dar und ermöglichen es der Chirurgin erstmals, die eigene Arbeit im Umgang mit dem System zu reflektieren. Die besondere gestalterische Relevanz dieser Exploration schlägt sich in dem gesellschaftlichen Diskurs über den Umgang mit bildgeleiteten Systemen nieder und erhöht somit im Sinne der Wissenschaftskommunikation die Transparenz von komplexen teleoperativen Anwendungsfeldern.

Das Video zeigt eine visuelle Überlagerung der intraoperativen Bilder mit den real ausgeführten Handbewegungen der Chirurgin.

B.A. Felix Ahn

Ich möchte mich herzlich Bei meinen Professoren Prof. Dr. Carolin Höfler und Prof. Philipp Heiskamp so wie Dr. Hans Fuchs vom Universitätsklinikum Köln für deren Geduld und Unterstützung bedanken. Im Rahmen meines Bachelorstudiengangs befasste ich mich intensiv mit dem Thema Virtual Reality und daran anknüpfend auch verstärkt mit Bild-, Raum-, und Medientheoretischen Fragestellungen. Auf den Da-Vinci Roboter bin ich über einen Kurzfilm des Italienischen Filmemachers Juri Ancarani aufmerksam geworden, welcher das System sehr eindrücklich darstellt. Einen Trailer können sie hier sehen:
Nachfolgend werden die Ergebnisse des interdisziplinären, kooperativen Forschungsprojektes zwischen dem Universitätsklinikum Köln und der Köln international School of Design vorgestellt sowie deren Entwicklung erörtert. Alle auf dieser Seite verwendeten Fotos, Videos und Texte wurden von B.A. Felix Ahn angefertigt und sind (sofern nicht anders gekennzeichnet) dessen geistiges Eigentum. Die Bilder dürfen für nicht-kommerzielle, wissenschaftliche Zwecke unter Nennung der Autorenschaft verwendet werden. Anfragen für eine kommerzielle Nutzung bitte an kontakt@felix-ahn.de. Die nachfolgenden Bilder sind eventuell nicht für alle Betrachter geeignet. Es sind offene Wunden, Innereien und Blut zu sehen.
Die Arbeit Screen Spaces entstand im Rahmen meiner Bachelorarbeit an der Köln International School of Design. Diese gliedert sich in drei unterarbeiten, welche sie untenstehend abrufen können. In meinen Research Proposals befasste ich mich einerseits bereits mit dem vorhandenen Material über den Da-Vinci XI Operationsroboter und untersuchte diesen auf mögliche Phänomene der räumlichen Entgrenzung, andererseits erarbeitete ich eine Medientheoretischen Anschauungsmodalität, welche es ermöglicht Phänomene der Entgrenzung als Unterschneidungen der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten zu begreifen.
Click to open Mediale Technologien haben seit den sprunghaften Entwicklungen im Bereich der Elektronik seit den 1980er ein Ausmaß an Komplexität erreicht, welches gegenwärtig Phänomene erzeugt, die sich scheinbar nichtmehr ohne weiteres in die Vorstellung von homogenen Räumen und einheitlichen Materiellen Gefügen einpassen lassen. Die Wahrnehmungsmöglichkeiten von Raum und Zeit werden in zunehmenden Maß von technologischen Apparaturen bestimmt, deren strukturelle Bedingungen nichtmehr, oder nur teilweise nachvollziehbar sind. Es entsteht ein blinder Fleck in der Wahrnehmung und Konstitution von Wirklichkeit, welcher zwar schon immer vorhanden war, gegenwärtig jedoch überdeutlich in Erscheinung tritt. Diese Entwicklung spiegelt sich in den unterschiedlichsten Bereichen und Disziplinen wider. Besonders der Diskurs um den Medienbegriff entwickelte sich in den vergangenen 100 Jahren entlang dieser Lücke. Es zeigte sich, dass Medien keine isolierten und abgeschlossenen Dinge sind, sondern im Kontext des Leibes und des Raumes gedacht werden müssen. In diesem ersten Teil der Arbeit soll daher untersucht werden, ob sich der medienbegriff dazu eignet, ihn in einer größeren physikalischen Phase zu denken, in welche nicht nur der Leib und der Raum eingefügt werden, sondern ebenso die Zeit. Dabei soll einerseits ein möglicher Ursprung von Entgrenzungsphänomenen, wie sie gegenwärtig in Erscheinung treten identifiziert-, als auch die dem zugrundeliegenden Mechanismen erforscht werden. Die vorliegende Arbeit ist somit inhärent interdisziplinär angelegt, da sich die Wechselseitigen Bezugnahmen und emergenten Phänomene, welche sich im Medialen Vollzug konstituieren nicht aus einer einzelnen Disziplin heraus betrachten lassen. Folglich bleiben gewisse Disziplinen, welche für das Verfertigen dieser Arbeit notwendig sind, unterrepräsentiert. Der Exkurs wird jedoch notwendig, um die Funktion von Medien in der wechselseitigen Bezugnahme zwischen dem Leib, dem Raum und der Zeit beschreiben zu können. Es handelt sich somit um einen Tauschhandel. Die Reduktion der fachspezifischen Inhalte wird billigend in Kauf genommen, um letztlich etwas sichtbar und verständlich zu machen, was in der Isolation einer spezifischen Disziplin unsichtbar geblieben wäre. Die nachfolgenden Studien zum Modell des medialen Phasenraums, übernehmen somit Funktionen im mehrfachen Sinne. In erster Instanz ermöglicht es, das Modell eines übergeordneten Gefüges, Entgrenzungsphänomene und Räumliche Anordnungen kohärent zu betrachten, sie also in einen Kausalzusammenhang zu setzten und somit den scheinbaren Bruch zwischen Phänomen und Materieller Anordnung zu verwischen. Zudem wird es durch den Phasenraum möglich, die Entstehung und Entwicklungsdynamik von Phänomen und Materieller Anordnung im Kontext der Zeitlichen Dimensionierung zu betrachten. Darüber hinaus lässt sich die Verkettung von Referenzen und Bezugspunkten in einer gemeinsamen Phase beschreiben, worin sich letztlich auch das Forschungsideal wiederspiegelt, welches dieser Arbeit zugrunde liegt, und sich letztlich im zweiten Teil bei der Untersuchung des Da-Vinci XI Operationssystems wiederspiegelt
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In Teil Eins dieser Arbeit, wurde die Funktion von Medien in Bezug auf den Raum, den Leib und die Zeit eingehend betrachtet. Es stellte sich heraus, dass Phänomene der Entgrenzung in besonderer Weise durch die Über -oder Unterschreitung der physiologischen Auflösungsgrenzen des Leibes hervorgerufen werden. Wir haben weiterhin festgestellt, dass der Leib in dreifacher Artikulation in ein rekursives Gefüge eingelagert ist. Einerseits ist der Leib räumlich in den Prozess der materiellen (An)Ordnung eingebunden, ist also auf physikalischer Ebene Teil eines Anordnungsprozesses und wird seinerseits zum strukturierenden Element nachfolgender Anordnungsprozesse. Auf gleiche Weise wird durch die materielle Konfiguration von Materie eine humanisierte Zeit von natürlichen Intervallen und Rhythmen abgegrenzt. Die so synthetisierten Zeitintervalle werden durch spezielle materielle Konfigurationen im humanisierten Raum verortet und fungieren darin als zentrales Strukturierungselement. Zuletzt haben wir festgestellt, dass sich der Leib als Produkt seiner eigenen Ontogenese selbst hervorbringt und dass aus dieser Ontogenese letztlich die Tendenzen der räumlichen und zeitlichen Aneignung und Abgrenzung emergieren. All diesen Prozessen ist gemein, dass sie die Wirklichkeit durch die Wiederholung von Differenz schaffenden Gesten und Operationsketten01 fortlaufend neu konfigurieren. Diese Gesten und Operationsketten kann man als die Externalisierung von internen Organisationsprinzipien zusammenfassend als Medien bezeichnen. Liegt die räumliche und zeitliche Auflösung von Medien jenseits der physiologischen Auflösungsgrenze des Leibes, so kann dies Entgrenzungseffekte hervorrufen, welche sich gleichermaßen in Form von konkreten Phänomenen wie auch in intelligiblen Bezugnahmen manifestieren. In dem nun folgenden Teil dieser Arbeit soll, auf diesem Medienmodell aufbauend untersucht werden, wie derartige Phänomene der leiblichen und räumlichen Entgrenzung in aktuellen bildgeführten Technologien ihren Niederschlag finden. Hier bietet sich das Feld der minimal-invasiven Chirurgie (MIC) in besonderer Weise an, da es alle Aspekte der Trinität aus Raum, Zeit und Leib in sich vereint. Darüber hinaus bieten gegenwärtige Technologien, wie sie beispielsweise der Da-Vinci XI Operationsroboter darstellen, die Möglichkeit, Phänomene der leiblichen Entgrenzung dezidiert zu betrachten. Die Komplexität der technologischen Möglichkeiten medizinischen Handelns wirft über die klinische Evidenz solcher Technologien hinaus auch Fragen in Bezug auf deren räumliche, piktorale und soziale Strukturierungsmodalitäten auf. Die chirurgische Praxis lässt sich dahingehend nicht mehr nur auf die unmittelbare Intervention des Chirurgen mit dem Patienten reduzieren. Sowohl der Arzt als auch der Patient begeben sich in eine engmaschig verwobene medientechnologische Architektur der räumlichen und leiblichen Entgrenzung. Die Interaktion zwischen Arzt und Patient lässt sich daher besser als Netzwerk begreifen, welches aus der Verschränkung unterschiedlichster Disziplinen emergiert und in welches sowohl der Arzt, als auch der Patient implementiert werden. Das Wissen um den inneren Aufbau des menschlichen Körpers und dessen Physiologie allein reicht scheinbar nicht mehr aus, um den technologischen Möglichkeiten medizinischen Handelns gerecht zu werden. Mediziner müssen zusätzlich über das notwendige Wissen verfügen, um die Bilder mit dem eigenen Körper und dem des Patienten in Relation setzen-, und sie schließlich als Handlungsgrundlage für medizinische Interventionen nutzen zu können. Neben dem notwendigen Bildwissen des Mediziners stellt sich auch die Frage nach der Integration derartiger Apparaturen im räumlichen und sozialen Gefüge. In dem hier vorliegenden Research-Proposal sollen daher einerseits die strukturellen Rahmenbedingungen bildgeführter Interventionen so wie die speziellen operativen Voraussetzungen bei Verwendung des Da-Vinci XI Operationssystems erläutert werden. Andererseits werden Fragen bezüglich der räumlichen, phänomenologischen und sozialen Strukturierungsmodalitäten des Da-Vinci XI aufgeworfen, welche zum Forschungsgegenstand einer nachfolgenden Untersuchung des Systems werden sollen. Diese Untersuchung findet im Rahme eines interdisziplinären Forschungsprojektes zwischen der Köln International School of Design der Technischen Hochschule Köln und dem Universitätsklinikum Köln statt, welches von November 2018 bis Juli 2019 läuft.
Überblick Vorwort Warnung
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Studien zum medialen Phasenraum Bedingungen bildgeführter Interventionen Bildbegleitung Teleoperative Handlungen findet heute in einer Vielzahl von Anwendungsbereichen ihren Niederschlag, ob ferngeleitete Drohnenangriffe, die Koordination und Choreografie von Rover Aktionen auf dem Mars, die Entschärfung von Minen durch Ferngesteuerte Roboter oder operative Eingriffe, die Bedingungen unter welchen Handlung und Wahrnehmung stattfinden verändern sich durch medientechnologische Apparaturen grundlegend. Besonders die räumlichen Bezugspunkte verändern sich durch die Trennung zwischen Bildrezeption und Handlungsinstruktion. Ein Aspekt tritt bei eingehender Betrachtung von teleoperativen Apparaturen besonders hervor: Derartige Maschinen stehen einerseits zwischen der handelnden Person und dem Zielgebiet ihrer Handlungen, andererseits scheinen diese Apparaturen während ihrer Bedienung aus der Wahrnehmung des bedienenden zurück zu treten. Sie werden Transparent. Diesem scheinbaren Wiederspruch, der sich in der räumlichen Trennung einerseits und der gezielten Unterminierung jedweden Gefühls für die so entstandene Distanz andererseits ausdrückt, sehen sich auch Chirurginnen und Chirurgen durch aktuelle Systeme konfrontiert. Derartige Systeme veränderten den operativen Alltag von Chirurginnen und Chirurgen in den vergangenen Jahren grundlegend. Bilder werden zunehmend zur primären Handlungsgrundlage chirurgischer Interventionen. Unter welchen Bedingungen Operationen durch die apparative Trennung von Sehen und Handeln jedoch stattfinden und wie genau diese räumliche Verschaltung aus Menschen und Maschine ihren Niederschlag findet ist bisher noch kaum Gegenstand von Untersuchungen gewesen. Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes zwischen dem Universitätsklinikum Köln und der Köln International School of Design wurden genau diese Brüche zwischen Wahrnehmung und Handlung untersucht. Von Juli 2018 bis Juli 2019 entstanden so Zahlreiche Explorationen von Operationen im Universitätsklinikum Köln, bei welchen die Bedingungen teleoperativen Handelns dokumentiert wurden. Im Fokus dieser Explorationen steht das Da-Vinci XI Operationssystem. Dabei handelt es sich um einen Chirurgie Roboter, bei dessen Einsatz der/die Chirurg*in ferngesteuert minimalinvasive Eingriffe am Patienten vornehmen kann. Im Zuge dieser Explorationen wurde die Interaktionsdynamik zwischen Chirurgen*in, Roboter und den OP Mitarbeitern ausführlich untersucht. Dabei entstanden Fotografien und Videodokumentationen, welche erstmals die Verwendung des Da-Vinci XI in der operativen Praxis aufzeigen, die Korrelation zwischen Handlungsanweisung und Bildgebung darstellen und Phänomene der räumlichen Fragmentierung beschreiben. Eine dieser Explorationen in Form einer fotodokumentarischen Operationsbegleitungen einer Ösophagus Resektion wurde in der hier vorliegenden Arbeit aufbereitet und moderiert. Zudem wurde ein ausführliches Interview mit dem Leiter der Roboter assistierten Chirurgie in der Viszeral- und Tumorchirurgie am Universitätsklinikum Köln in dieser Arbeit untergebracht. Bei den nachfolgenden Bildern und Texten handelt es sich ausschließlich um eigene Darstellungen einer realen Operation im Universitätsklinikum Köln. Externe Inhalte wurden als solche kenntlich gemacht. Einige Bilder wurden für diese Arbeit nachträglich bearbeitet und retuschiert, um die Persönlichkeitsrechte des Patienten zu wahren. Die Bilder könnten auf einige Betrachter verstörend wirken.
Galerie Der CHirurg an der Steuerkonsole des Da-Vinci XI. Der Assistenzchirurg am Patienten. Der Blick ist starr auf den Monitor mit den intraoperativen Bildern gerichtet. Blick durch das Binokular an der Steuerkonsole des Da-Vinci XI. Im hintergrund sind die beiden Steuerungsinstrumente des Roboters zu erkennen. Der Operationssaal. Der Chirurg operiert aus der Ecke des OP Saals im Patienten, welcher sich rechts im Bildhintergrund befindet. Die intraoperativen Bilder werden stark vergrößert auf Wandmonitoren wiedergegeben.
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